Der Arbeitskreis Geschichte besteht aus Personen, die Interesse daran haben, anhand von alten Unterlagen die Geschichte der Region Kirchberg zu erforschen. Ein weiteres Anliegen ist es, alte Arbeitsweisen in Handwerk, Landwirtschaft, Schiefer- und Erzabbau nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Mit Exkursionen zu historischen Stätten, alten Kirchen und Schlössern soll in der Bevölkerung das Interesse an Geschichte geweckt werden. Der Arbeitskreis kooperiert mit der Tourist Information und dem Kirchberger Heimathaus.

Arbeitskreis Geschichte

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Ein Mann des Jahrhunderts

 

von Axel Weirich

 

Zur Stolperstein-Verlegung durch den Künstler Gunter Demnig hatte die Stadt Kirchberg auch den in Kirchberg geborenen Schauspieler, Autor und vor allem Kirchberger Zeitzeugen Harry Raymon eingeladen. Im Januar 1926 als Sohn der jüdischen Kaufmannsfamilie Heymann geboren, emigrierte er 1936 mit seiner Familie vor den Repressalien der Nazis in die USA, kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurück und lebt seit 1963 in München. Auf Initiative des Kirchberger Kulturvereins ARENA 13 las der heute 91-Jährige vor rund 70 Besuchern in der Aula der KGS aus seinem autobiographischen Roman „Einmal Exil und zurück“. Der Journalist Wolfgang Bartels bezeichnete in seiner Einführung in die Vita und das Werk Harry Raymon als „ein Mann des Jahrhunderts“.

 

Für die Lesung in Kirchberg hatte dieser eigens einen neuen Text vorbereitet - „Irgendwie anders“. In diesem beschreibt er das jüdische Leben liberaler Prägung während seiner Kindheit in Kirchberg: „Man hielt einen koscheren Haushalt und aß kein Schweinefleisch – was die Freundschaft mit dem anwohnenden Metzger Bartenbach aber nicht minderte.“

 

„Das Bewusstsein, anders zu sein, wurde sehr früh in mir geweckt“, liest Harry Raymon. Die Mutter hatte mit Bestürzung auf seine Neigung reagiert, Dinge mit der linken Hand zu verrichten. Und so wurde der Lehrer Willms von ihr gebeten, sehr darauf zu achten, dass ihr Sohn zum Schreiben die rechte benutze. Dies dämpfte in Harry die Freude am Lernen und warf Fragen auf. „Hätte ich die gestellt, die Mama hätte wie so oft mit ‚Das verstehst Du nicht’ geantwortet.“ In Harry Raymon reift so die Ahnung, sein Anderssein müsse etwas mit dem Jüdischsein zu tun haben. Und dann waren auch noch die normalerweise nach der Geburt abfallenden Babyhaare bei ihm an den Unterarmen dunkel und verstärkt verblieben, wie sonst erst mit der Pubertät. Das brachte ihm in der Erwachsenenwelt belustigt den Spitznamen „Esau“ ein.

 

Irgendwann war ein Wandel im Alltag zu spüren, der Harrys Eltern sehr beunruhigte und der sich auch auf seine bis dahin unbeschwerte Kindheit auswirkte: Ein neuer Bürgermeister von außerhalb war von der NSDAP eingesetzt worden, der gern in einer Uniform und Stiefeln umherging. Harry wird von den Eltern eindringlich angehalten, nach der Schule direkt nach Hause zu kommen und nicht zu trödeln. Und mit Ludwigs Johanna und Bartenbachs Willi, den Freunden aus der Nachbarschaft, könne er auch erstmal eine Zeit lang nicht spielen. Bei einer Fahrt im familieneigenen Auto nach Simmern wird der kleine Harry zudem erstmals mit der Hetze und Verunglimpfung der Juden durch den „Stürmer“ konfrontiert. Die Zeiten ändern sich und, so Raymon, „ein fremdartig klingendes Wort fand in der Familie immer mehr Verwendung – Emigrieren.“

 

Harry Raymon liest über eine Stunde aus seinem 2005 erschienen autobiographischen Roman „Einmal Exil und zurück“ - mit einer Intensität und Hingabe, wie man sie von einem 91-Jährigen nicht erwartet. Er schildert, wie sich auch die Umstände für ihn in der Schule ändern und es zu ersten Misshandlungen durch Mitschüler kommt. Schweren Herzens entscheidet sich die Familie zur Emigration in die USA. Das Kleidergeschäft wird an einen arischen Käufer verkauft und man zieht zunächst nach Köln, wo man glaubt, als Jude weniger aufzufallen. Dort bleiben sie, bis im Oktober 1936 die Ausreise in die USA erfolgt.

 

In den USA geht Harry vom ersten Tag an in die Schule und lernt die fremde Sprache. Im Januar 1939 feiert er seine Bar-Mitzwah – die Anerkennung als volljähriges Mitglied der jüdischen Gemeinde - „Today I am a Man!“ Nach Geschenkwünschen gefragt, wagt er seinen sehnlichsten Wunsch nicht auszusprechen, weil dieser von den Verwandten nicht erfüllt werden könnte: Seitdem er das Filmheft „Modern Screen“ entdeckt hat, welches Fotos von Schauspielern bei den Dreharbeiten zeigt, ist klar: Harry will Schauspieler werden!

 

Nach dem Highschool-Abschluss wird er 1944 zum Militär eingezogen und als Vernehmungssoldat nach Deutschland geschickt, wo es seine Aufgabe ist, deutsche Kriegsgefangene zu deren Vergehen und Verbrechen zu befragen. Nach dem Ende seiner zweijährigen Militärzeit belegt er Schauspiel- und Tanzkurse in New York im Rahmen eines Ausbildungsprogramms für ausgeschiedene US-Soldaten. 1948 zieht er nach Stuttgart, um dort an der Musikhochschule Gesang zu studieren und gründet 1951 das Pantomimentheater „Die Gaukler“. 1957 zieht Raymon nach Berlin, wo er als Schauspieler, Synchronsprecher, Regisseur und Autor arbeitet, bis er schließlich 1963 nach München umzieht, wo er bis heute lebt. 1973 kehrt er für drei Wochen für Dreharbeiten zu seinem Film „Regentropfen“ nach Kirchberg zurück.

 

Zum Abschluss liest Harry Raymon dann ein tief beeindruckendes Kapitel, in dem es um die Angst der Profiteure nach dem Krieg geht, sie müssten den zu unrecht oder zumindest unlauter sich angeeigneten Besitz von Juden wieder zurückgeben. Unter dem Vorwand, man wolle  über ein mögliches Angebot der Wiedergutmachung für den Beschiss bei der Arisierung des elterlichen Bekleidungsgeschäfts reden, wird Benny Goldbach, Harry Raymons alter ego im Roman, im Februar 1951 nach Kirchberg gelockt. Das arisierte Geschäft ist mittlerweile auf den Sohn, Egon Schmidtbauer, übergegangen. Dessen Mutter liegt auf dem Sterbebett.

 

„Gell, Du wirst dem Egon das Geschäft nit wieder abnehme? Wie wärt ihr denn rausgekomme, wenn mein Otto das Geschäft nit übernomme hätt? Vergiss das nit. Nur weil wir gekauft hon, is dei’ Mutter un’ dei’ Vatter un auch DU rausgekomme! Du musst es verspreche. Dass du’s ihm nit wegnimmst.“

 

Und mit der Geschichte, wie aus Tätern Wohltäter werden, endet ein unterhaltsamer wie aufschlussreicher Abend mit einem beeindruckenden Zeitzeugen über ein Kapitel Kirchberger Historie, in dem es noch viel aufzuarbeiten gibt.